HCOB Studie: Verteidigungssektor wird zumWachstumsmarkt für den Mittelstand
- Von den für 2026 geplanten Verteidigungsausgaben von rund 108 Mrd. Euro könnten etwa 73 Mrd. Euro unmittelbar Unternehmen erreichen
- Verteidigungssektor entwickelt sich von einem vergleichsweise kleinen Spezialmarkt zu einem strukturellen Wachstumsfeld
- Höchste Wachstumsraten für Hersteller von Elektronik und Software sowie für die Serienfertigung erwartet
- Kapazitätsengpässe, Zertifizierungsanforderungen, Geheimschutz und Fachkräftemangel erschweren eine ungebremste Expansion
HAMBURG – Deutlich steigende Verteidigungsausgaben eröffnen deutschen Unternehmen ein langfristiges Wachstumsfeld. Davon könnten insbesondere mittelständische Betriebe profitieren.Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie „Milliarden für Sicherheit – Chancen für den Mittelstand“ der Hamburg Commercial Bank (HCOB). „Nach unseren Berechnungen sind von den für 2026 vorgesehenen Verteidigungsausgaben in Höhe von etwa 108 Mrd. Euro rund 73 Mrd. Euro unmittelbar unternehmenswirksam. Die Ausgaben fließen zunächst überwiegend an die großen Systemhäuser (Original Equipment Manufacturer / OEMs). Einen Großteil der Aufträge reichen diese jedoch an mittelständische Betriebe weiter“, sagt Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HCOB und Autor der Studie.
Damit entwickelt sich der Verteidigungssektor von einem vergleichsweise kleinen Spezialmarkt zu einem strukturellen Wachstumsfeld für den Mittelstand. Die Ausnahme von der Schuldenbremse sichert den Ausgabenanstieg ab und erhöht die Planungssicherheit für Unternehmen. „Viele klassische Industriebranchen stehen derzeit wegen des intensiven Wettbewerbs insbesondere aus China unter Druck. Für mittelständische Unternehmen mit spezialisiertem Know-how oder dual nutzbaren Technologien können sich im Verteidigungssektor neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen“, sagt Michael Rothehüser, Leiter Corporates Deutschland bei der HCOB.
Unternehmensrelevante Nachfrage wächst besonders dynamisch
Der Teil der Verteidigungsausgaben, der unmittelbar Unternehmen zugutekommt, wächst besonders dynamisch. Das unternehmenswirksame Volumen steigt im Jahr 2026 gegenüber dem Vorjahr um 36 % auf 72,6 Mrd. Euro und damit deutlich stärker als der gesamte Verteidigungsetat mit 25 %. Auch über 2026 hinaus bleibt die Perspektive positiv. Nach den Planungen des Bundes wachsen die Verteidigungsausgaben bis 2030 auf 183,7 Mrd. Euro. Auf Basis einer Fortschreibung der aktuellen Ausgabenstruktur könnte das unternehmenswirksame Volumen dabei auf rund 140 Mrd. Euro steigen. Das entspricht etwa 77 % des Gesamtbudgets.
Mittelstand als wichtiger Teil der Lieferkette
„Für den Mittelstand ist insbesondere die Struktur der Wertschöpfungsketten relevant. Die großen Systemhäuser der Rüstungsindustrie reichen Schätzungen zufolge bis zu 80 % ihres Auftragsvolumens an Zulieferer weiter“, sagt de la Rubia. „Besonders gute Einstiegsmöglichkeiten ergeben sich bei kleineren, dynamisch wachsenden Ausgabetiteln, etwa für Transport-, Charter- und Betreiberleistungen sowie in der Instandhaltung, Zertifizierung sowie Informationssicherheit.“ Das größte Marktvolumen bleibt bei Plattformen wie Panzern, Fregatten und Kampfflugzeugen sowie bei Munition und Infrastruktur, während die höchsten Wachstumsraten bei Elektronik, Sensorik, Software und kostengünstiger Serienfertigung entstehen. Ein weiterer Markt liegt in der dual nutzbaren Infrastruktur, in der Logistik und dem Schutz kritischer Infrastrukturen.
Kapazitäten und hohe Markteintrittsbarrieren werden zum entscheidenden Engpass
Das Wachstum des Marktes wird nach Einschätzung des Studienautors jedoch durch Lieferengpässe in der Industrie begrenzt. Die Auftragsbestände der großen börsennotierten Systemhäuser entsprechen bereits einem Vielfachen ihrer jeweiligen Jahresumsätze. „Knappheiten bei Vorprodukten, Fachkräftemangel, Engpässe bei Spezialstählen und Halbleitern sowie mehrjährige Qualifizierungs- und Zertifizierungszyklen erschweren den Ausbau der Produktionskapazitäten“, sagt de la Rubia.
Für neue Anbieter bestehen zudem hohe Markteintrittsbarrieren. Dazu zählen Zertifizierungsverfahren, Sicherheitsüberprüfungen von Personal, Standorten und IT, lange Entscheidungswege in der Verwaltung sowie die Finanzierung des notwendigen Kapazitätsaufbaus. Unternehmen müssen deshalb in der Regel lange vor einer konkreten Ausschreibung mit der Vorbereitung beginnen. „Wer frühzeitig in Fertigungskapazitäten, Qualifizierungen und Sicherheitsanforderungen investiert, kann sich in einer Phase positionieren, in der die Systemhäuser ihre Lieferketten neu ordnen“, sagt Michael Rothehüser.
Impuls für die Industrie, aber kein alleiniger Wachstumsmotor
Gesamtwirtschaftlich wird der Anstieg der Verteidigungsausgaben spürbar sein, die Wirkung sollte laut Studie jedoch nicht überschätzt werden. Der Internationale Währungsfonds beziffert den durchschnittlichen Multiplikator von Verteidigungsausgaben auf rund eins. Ein zusätzlich ausgegebener Euro erhöht das Bruttoinlandsprodukt demnach im Durchschnitt um etwa einen Euro. „Ein stärkerer Effekt wäre möglich, wenn freie Kapazitäten aus der Automobil- und Zulieferindustrie für verteidigungsrelevante Anwendungen genutzt würden und ein größerer Anteil der Mittel in Forschung, Entwicklung und neue Fertigungsverfahren flösse“, sagt Chefvolkswirt de la Rubia.
Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Verteidigungsindustrie die deutsche Wachstumsschwäche der Wirtschaft nicht allein überwinden kann. Sie kann jedoch dazu beitragen, industrielles Know-how, Beschäftigung und technologische Kompetenzen zu erhalten. „Für viele mittelständische Unternehmen geht es jetzt darum, zu prüfen, wie sich bestehende Kompetenzen auf verteidigungsrelevante oder dual nutzbare Anwendungen übertragen lassen. Wer diesen Schritt frühzeitig geht, kann neue Wachstumspotenziale erschließen und an einem strukturellen Wandel teilhaben, den es in dieser Form in Deutschland seit Langem nicht mehr gegeben hat“, sagt Michael Rothehüser.
Abbildung: Verteidigungsausgaben 2025 bis 2030, insgesamt und unternehmenswirksam

Quelle: Bundesministerium für Finanzen, Deutscher Bundestag, eigene Berechnungen
Die Studie zum Download finden Sie hier.
Über die Hamburg Commercial Bank
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